Was die Wikinger trugen, aufbewahrten und woraus sie tranken — Ein Blick auf die materielle Kultur der Wikingerzeit
- L7

- 3. Apr.
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Das Bild, das die meisten Menschen von den Wikingern haben, stammt aus Sagas, Filmen und Serien. Das sind dramatische Quellen, gut geeignet zum Geschichtenerzählen, aber als historisches Zeugnis nur bedingt verlässlich. Die Archäologie erzählt eine stillere und in vielerlei Hinsicht interessantere Geschichte, eine Geschichte nicht aus Schlachten und Heldenepen, sondern aus den kleinen Dingen des Alltags: Objekte, die getragen, aufbewahrt und benutzt wurden.
Amulette. Figuren. Trinkhörner. Runeninschriften. Diese Dinge haben überlebt, weil sie bedeutsam waren. Was sie über den Glauben der Nordmänner verraten, ist erheblich vielschichtiger und menschlicher, als das populäre Bild vermuten lässt.
Mjölnir: Ein Symbol, das älter und fremder ist als Thor
Thors Hammer begegnet uns heute überall: auf Schmuck, Tattoos, Festivalmerchandise, Albumcovern. Doch der archäologische Befund dahinter erzählt eine andere Geschichte als die, die die Popkultur übernommen hat.
Mjölnir-Anhänger gehören zu den häufigsten Fundobjekten der Wikingerzeit in Skandinavien. Hunderte Exemplare wurden aus Gräbern, von Höfen und aus Handelssiedlungen geborgen, verteilt über ein weites Gebiet von Dänemark und Schweden bis nach Island und auf die Britischen Inseln. Die große Vielfalt in Größe, Material und Ausführung deutet darauf hin, dass es sich nicht um ein einheitliches religiöses Symbol handelte, sondern um etwas Persönlicheres, mit einem breiten Bedeutungsspektrum.
Besonders aufschlussreich ist der Kontext mancher Funde: Zahlreiche Mjölnir-Anhänger wurden in Frauengräbern entdeckt, zusammen mit Spinn- und Webwerkzeug, also alltäglichen häuslichen Gegenständen ohne jeden kriegerischen Bezug. Historiker interpretieren das als Hinweis darauf, dass Thors Hammer in erster Linie als Schutzamulett getragen wurde, verbunden mit Fruchtbarkeit, sicherer Geburt und dem Wohlergehen des Haushalts, nicht nur mit Krieg und Sturm.
Der auf Bornholm, Dänemark, gefundene Hammer steht für den kleineren, persönlichen Typ: kompakt, aus massivem Bronze, an einer Lederschnur nah am Körper getragen. Man würde ihn nicht bemerken, wenn man ihn nicht gezeigt bekäme. Er war nicht dazu gemacht, aufzufallen. Er war dazu gemacht, zu schützen.
Der Fund aus Skåne in Südschweden ist ein ganz anderes Objekt. Groß, mit flacher Rückseite und sichtbar auf der Brust getragen, war dieser Hammer darauf ausgelegt, wahrgenommen zu werden. Skåne war im 10. Jahrhundert eine umkämpfte Region: Das Christentum drang von Süden vor, und wer dennoch zum alten Glauben stand, machte mit einem so auffälligen Amulett eine unmissverständliche Aussage.
Das ist einer der Gründe, warum Archäologen vorsichtig sind, Mjölnir als Symbol mit einer einzigen, festen Bedeutung zu behandeln. Dasselbe Bild konnte persönliches Schutzzeichen oder öffentliches Bekenntnis sein, je nach Träger, Ort und Zeit.

Erwähnenswert ist auch ein kleiner Hammer aus Foss, Island, datiert ins 9. Jahrhundert: An seinem oberen Ende beißt ein Wolf in das Schnurloch. Der Wolf ist mit Odins Begleitern Geri und Freki assoziiert und erscheint hier als schützendes Element innerhalb eines Thor gewidmeten Objekts. Diese Überlagerung von Bildsprache aus verschiedenen Bereichen des altnordischen Pantheons ist charakteristisch für eine Religionspraxis, die Archäologen als fließend und nicht-dogmatisch beschreiben. Die Wikinger folgten keiner starren Symbolhierarchie. Sie kombinierten, adaptierten und gaben Objekten eine persönliche Bedeutung.

Das Trinkhorn: Ritualobjekt, Statussymbol, praktisches Gefäß
Das Trinkhorn ist längst zum Klischee geworden, was schade ist, denn die eigentliche Geschichte dahinter ist weit interessanter als das Stereotyp.
In der nordischen Gesellschaft war das gemeinsame Trinken keine bloß gesellige Angelegenheit. Das sogenannte Symbel, eine formelle Ritualzeremonie, bei der ein Horn am Tisch herumgereicht wurde, war einer der zentralen Mechanismen, durch den Eide geleistet und soziale Bindungen gefestigt wurden. Was über dem Horn gesprochen wurde, galt als bindend: Treuegelöbnisse, Trinksprüche auf die Götter, Ankündigungen künftiger Taten. In einer vorliteralen Gesellschaft war das eine der wichtigsten Formen öffentlicher Verpflichtung.
Das Horn war zugleich ein Prestigeobjekt. Aufwendig verzierte Exemplare tauchen in hochrangigen Gräbern auf, von Anführern an verdiente Gefolgsleute verschenkt, über Generationen weitergegeben. Die Gallehus-Hörner, im südlichen Dänemark gefunden und auf das 5. Jahrhundert datiert und damit noch vor der eigentlichen Wikingerzeit, gehören zu den bemerkenswertesten Metallarbeiten, die je in Nordeuropa entdeckt wurden. Beide wurden 1802 gestohlen und eingeschmolzen, doch frühe Zeichnungen sind erhalten und belegen, welche kulturelle Bedeutung das verzierte Horn in den germanischen Gesellschaften besaß.
Die schlichten Hörner aus Kuhhorn waren Gebrauchsgegenstände. Das Material ist leicht, von Natur aus antibakteriell und unzerbrechlich, kurz: praktisch. Die prächtige Verzierung der hochrangigen Exemplare war keine Frage des Materials, sondern des Symbols: das Recht, zu bewirten, zu trinken und andere mit Worten zu binden.
Figuren: Die Götter im Haus
Kleine wikingerzeitliche Figuren gehören zu den aufschlussreichsten archäologischen Funden dieser Zeit, vor allem weil sie nicht in Tempeln gefunden wurden, sondern in Wohnhäusern.
Die altnordische Religion war nicht wie das Christentum um eine zentrale, institutionalisierte Verehrung organisiert. Es gab Tempelstätten, der große Tempel in Uppsala, den Adam von Bremen beschreibt, ist das bekannteste Beispiel, doch die alltägliche Religionspraxis fand zu Hause statt. Hausaltäre, kleine Figuren und persönliche Amulette waren die eigentliche Schnittstelle zwischen dem einzelnen Menschen und dem Göttlichen.
Im Jahr 2012 wurde auf der dänischen Insel Fünen eine kleine Bronzefigur entdeckt: gekleidet, Schwert erhoben, Schild in der Hand. Das Nationalmuseum Dänemark datierte sie auf etwa 800 n. Chr. Nach aktuellem Forschungsstand stellt sie eine Walküre dar, eine jener weiblichen Gestalten, die Odin aussendet, um die im Kampf Gefallenen für Walhall auszuwählen. Die Haltung ist aktiv, fast angriffslustig. Das ist kein Dekorationsstück. Es wurde von jemandem gefertigt, der eine bestimmte Kraft in seinem Haus präsent wissen wollte.
Was diese Kraft konkret bedeutete, lässt sich nur schwer bestimmen. Bei einem Krieger liegt die Deutung nahe: ein Gebet um einen guten Tod, um Einlass in Walhall. In einem bäuerlichen Haushalt wird die Bedeutung vielschichtiger. Schutz? Weibliche göttliche Macht? Eine besondere Verehrungspraxis, die die Walküren in den Mittelpunkt stellte? Die Archäologie kann das nicht auflösen, und diese Offenheit ist selbst aufschlussreich. Die altnordische Religionspraxis war weder in ihrer Doktrin noch in ihrer Symbolik vereinheitlicht. Dasselbe Objekt konnte für verschiedene Menschen Verschiedenes bedeuten.
Die Odin-Figur aus Lindby in Schweden ist ein anderer Fall. Entscheidend an ihr: Der linke Arm fehlt. Nicht etwa, weil die Reproduktion beschädigt ist, auch das Original wurde ohne linken Arm gefunden. Die Reproduktion bewahrt diese Unvollständigkeit absichtlich, denn der unvollständige Fund ist das Objekt.
Odin ist in den altnordischen Quellen ein Gott voller Widersprüche: Weisheit, aber auch Krieg, Tod, Dichtung, Wahnsinn und Prophezeiung. Er hängte sich neun Tage an Yggdrasil, um das Wissen der Runen zu erlangen. Er gab ein Auge für Mimirs Brunnen. Er ist kein bequemer Gott. Die Figur, schwer und stumm und um ein Glied verkürzt, trägt etwas von diesem Gewicht in sich.
Runen: Praktisches Schreiben, keine Magie
Das Jüngere Futhark ist das Runenalphabet der Wikingerzeit: 16 Zeichen, verwendet in Skandinavien vom etwa 8. bis zum 11. Jahrhundert. Nahezu alle wikingerzeitlichen Runensteine sind in diesem System eingraviert, und es gibt Tausende davon.
Die Popkultur hat den Runen eine schwere mystische Aura verliehen. Historisch gesehen ist daran nicht alles falsch: Es gibt durchaus Belege für den Einsatz von Runen in Schutzinschriften und rituellen Kontexten. Doch der größte Teil des archäologischen Befunds ist erheblich nüchterner. Die Runensteine, die in großer Zahl in Skandinavien erhalten sind, sind in vielen Fällen schlicht Gedenksteine: „Thorstein errichtete diesen Stein zum Andenken an seinen Vater Gunnar, der nach Osten reiste und nicht zurückkehrte." Direkt. Menschlich. Ohne Mystik.
Kürzere Inschriften auf tragbaren Gegenständen, Amuletten, Waffen oder persönlichem Besitz, lesen sich gelegentlich wie Schutzformeln oder Anrufungen. Die Grenze zwischen praktischer Schrift und rituellem Gebrauch war fließend. Aber der Ausgangspunkt ist derselbe wie bei jedem anderen Schriftsystem auch: ein praktisches Werkzeug zur Aufzeichnung und Übermittlung von Informationen.
Bemerkenswert ist übrigens, dass das Jüngere Futhark mit nur 16 Zeichen weniger Buchstaben hat als sein Vorgänger, das Ältere Futhark mit 24. Das geschah ausgerechnet in dem Zeitraum, in dem Runen weiter verbreitet wurden, was kontraintuitiv ist: Schriftsysteme werden üblicherweise komplexer, nicht einfacher. Die Wissenschaft hat verschiedene Erklärungen vorgeschlagen, ohne dass eine davon vollständig überzeugt. In der Praxis bedeutete es, dass einzelne Runen mehrere Lautwerte tragen konnten und der Kontext für das korrekte Lesen entscheidend war.

Ein Objekt, das zeigt, wie Runeninschriften als persönliches Bekenntnis funktionierten: der Thor-Runenring. Aus Edelstahl gefertigt, trägt er eine Inschrift im Jüngeren Futhark: *Þorr jarðar burr hlórriði einriði*, eine Kette von Beinamen Thors aus der eddischen Dichtungstradition. Die Bedeutung: „Thor, Sohn der Erde, der donnernde Sturm, der allein reist." Jedes Wort ist ein Name. Der Ring ist ein Satz. Genau diese Art von Devotionsinschrift findet sich auf wikingerzeitlichen Objekten, kein Zauberspruch, sondern eine Zugehörigkeit.

Die Wölfe Odins
Odins Wölfe, Geri und Freki, nehmen in den altnordischen Quellen eine besondere Stellung ein. Ihre Namen bedeuten ungefähr „der Gierige" und „der Gefräßige". Laut der Prosa-Edda fütterte Odin sie mit dem Fleisch an seinem Tisch, während er selbst nur Wein trank. Sie waren keine Haustiere, keine vertrauten Begleiter im gemütlichen Sinne. Sie verkörperten etwas in Odins Natur: wild, unersättlich, in jeder Geschichte über ihn gegenwärtig.
Wolfsmotive sind in der wikingerzeitlichen und germanischen materiellen Kultur gut belegt. Wolfdarstellungen auf Waffen, Fibeln und Gürtelbeschlägen finden sich besonders häufig in der Völkerwanderungszeit und der frühen Wikingerzeit. Sie stehen für Wildheit, aber auch für eine besondere Form von Loyalität: Die Bindung zwischen Odin und seinen Wölfen ist keine warme. Sie ist gegenseitig.

Was Objekte wissen
Die materielle Kultur der Wikingerzeit zieht seit mehr als tausend Jahren nach deren Ende archäologisches und historisches Interesse auf sich. Das ist kein Zufall. Diese Objekte waren keine Dekorationen und kein Luxus im modernen Sinne. Sie waren Mittel, um die Beziehung zwischen Mensch und den Kräften zu gestalten, die sein Leben bestimmten: göttliche, soziale, natürliche.
Ein täglich getragener Mjölnir-Anhänger war ein fortlaufendes Bekenntnis. Eine Figur am Herd war ein häuslicher Schrein. Das beim Symbel herumgereichte Horn war das Medium, in dem Worte zu Eiden wurden. Runeninschriften machten das Flüchtige dauerhaft.
Wer diese Objekte als Werkzeuge begreift, nicht als Dekorationen, sieht sie anders. Es sind keine Souvenirs einer romantisierten Vergangenheit. Sie sind Zeugnisse einer vielschichtigen materiellen Kultur, in der Bedeutung bewusst und sorgfältig in Objekte eingeschrieben wurde.





























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