Interview mit Nana Nocturnal über Bühne, Körper, Musik und echte Kunst in Zeiten von KI
- L7

- vor 22 Stunden
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Ich wurde auf Nana Nocturnal aufmerksam, als ich sie live bei einer Performance mit Grausame Töchter gesehen habe. Ihre Bühnenpräsenz ist mir sofort aufgefallen: körperlicher Ausdruck, Musik, Provokation und eine starke Freiheit, ohne dass der Auftritt beliebig oder nur auf Aufmerksamkeit ausgerichtet wirkte.
Besonders interessant fand ich den Kontrast zwischen ihrer intensiven Bühnenpräsenz und ihrem musikalischen Hintergrund. Die Flöte begleitet sie seit einem großen Teil ihres Lebens, sie kommt aus der klassischen Musik und bewegt sich heute zugleich in einer deutlich freieren, unkonventionelleren künstlerischen Welt.
Genau darüber wollte ich mit ihr sprechen: über die Bühne als Zuhause, den Blick von außen auf den eigenen Körper, den Unterschied zwischen Modeln und Performance, verschiedene Versionen unserer Persönlichkeit und die Frage, warum echte, menschliche Kunst in Zeiten von KI vielleicht wichtiger wird als je zuvor.

Passend zu den Themen dieses Interviews haben wir außerdem eine Playlist zusammengestellt, die ihr beim Lesen nebenbei laufen lassen könnt:
1) Freiheit auf der Bühne
Niflheim Records:
Wenn man dich auf der Bühne sieht, hat man sofort das Gefühl, dass da sehr viel Freiheit, Mut und ein bewusster künstlerischer Ausdruck drinstecken. Was bedeutet dir dieser Zustand ganz persönlich, und wann fühlst du dich dort am meisten bei dir selbst?
Nana Nocturnal:
Danke sehr! Ich bezeichne die Bühne gerne als mein Zuhause und ich kann wirklich nicht mehr ohne. Dennoch war der Weg zu meiner heutigen Bühnenpräsenz ein langer.
Am meisten bei mir selbst fühle ich mich, wenn ich auf der Bühne einen Flow-State erreiche. Also wenn ich merke, es läuft so gut, dass ich spontan Ideen einbringen und mit dem Publikum in Kontakt treten kann. Dann fühle ich mich wirklich wie zu Hause.
2) Körper, Wahrnehmung und der Blick von außen
Niflheim Records:
Gerade bei intensiven Performances wird von außen oft sehr schnell beurteilt, sexualisiert oder missverstanden. Wie erlebst du diesen Blick auf dich, und ab wann beginnt Performance für dich, mehr zu sein als bloße Provokation?
Nana Nocturnal:
Das ist Gewöhnungssache bei mir gewesen. Ich stehe schon fast mein ganzes Leben in verschiedenen Kontexten auf der Bühne. Mittlerweile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass eine Message nur ankommen kann, wenn der- oder diejenige dafür offen ist. Es wird immer Leute geben, die sich nur dafür interessieren, wie viel oder wenig man gerade anhat.
Provokation um ihrer selbst willen langweilt mich. Dass manche sich noch so schnell provozieren lassen in der heutigen Welt, in der ja eigentlich alles schon mal erzählt und gesehen wurde, lässt mich schmunzeln.
Dennoch würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass mir eine Prise Provokation keinen Spaß macht. Nur dann bitte mit künstlerischer Aussage und nicht nur, um Aufmerksamkeit zu generieren.

3) Modeln und Performance, zwei verschiedene Formen von Ausdruck
Niflheim Records:
Modeln und Performance wirken von außen manchmal ähnlich, fühlen sich innerlich aber wahrscheinlich ganz unterschiedlich an. Was ist für dich der größte Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Ausdruck?
Nana Nocturnal:
Beim Modeln auf dem Catwalk stehen klar die Klamotten im Fokus, beim Fotoshooting ein bestimmter punktueller Ausdruck. Ich habe stets im Kopf, dass Dinge durch die Kameralinse anders ankommen und habe das Endprodukt im Blick.
Wenn ich auf der Bühne stehe, ist das ein komplett anderes Gefühl. Natürlich ist auch da mein Anspruch, on point zu sein mit meinem Ausdruck, aber das Publikum hat mehr als nur eine Momentaufnahme.
Das ist es auch, was mich am Performen so reizt und schon mein ganzes Leben immer und immer wieder auf die Bühne zieht: Der Spannungsbogen, die Kombination aus Selbstausdruck und der Energie des Publikums, die dadurch entsteht.
4) Rollen, Masken und verschiedene Versionen von uns selbst
Niflheim Records:
Es gibt diese Idee, dass wir je nach Situation und Gegenüber unterschiedliche Seiten von uns zeigen und im Alltag oft verschiedene Masken tragen. Ist die Version von dir auf der Bühne eher eine Rolle, eine Schutzform, oder vielleicht sogar die ehrlichste Seite von dir?
Nana Nocturnal:
Mein Bühnen-Ich (oder besser: meine Bühnen-Ichs) sind nicht die ganze Wahrheit, dafür sind wir Menschen viel zu komplex. Wer will schon die schlechten Tage sehen mit ihren Unsicherheiten, Tiefphasen, unglamourösen Outfits?
Früher war ich vor allem in der Klassik präsent. Heute feiere ich oft einen Selbstausdruck, der bei einem Bach-Trio eher unpassend wäre. Wobei, sag niemals nie...
Ich bin dankbar für die Möglichkeit, Seiten von mir zu feiern, Wünsche und Bedürfnisse, für die sich manche da draußen vielleicht schämen. Wenn mich auch nur eine Person auf der Bühne sieht und denkt "vielleicht bin ich ja doch okay so, wie ich bin", dann habe ich mein Ziel erreicht.

5) Die Flöte als unerwartetes Element
Niflheim Records:
Was ich bei deinem Auftritt auch spannend fand, war die Flöte, gerade weil man sie in diesem Kontext nicht unbedingt erwartet. Welche Bedeutung hat dieses Instrument für dich, und was bringt es in deine künstlerische Welt hinein, was andere Ausdrucksformen nicht können?
Nana Nocturnal:
Die Flöte begleitet mich schon fast mein ganzes Leben. Sie ist das Instrument, auf dem ich musikalischen Ausdruck gelernt habe und das ich studiert habe.
So gerne ich singe und auch Klavier spiele, wenn ich grenzenlose Möglichkeiten will, greife ich zur Flöte. Einfach weil ich sie in- und auswendig kenne und schon zehntausende Stunden mit ihr verbracht habe.

6) Musik in deinem Leben
Niflheim Records:
Musik ist für viele Menschen mehr als nur Hintergrund, eher ein Begleiter durch verschiedene Phasen im Leben. Was bedeutet Musik für dich persönlich, und wie beeinflusst sie deine Stimmung oder dein Lebensgefühl?
Nana Nocturnal:
Schön beschrieben. Musik hat mir schon oft das Leben gerettet, so dramatisch das auch klingen mag. Manchmal hilft Reden nicht, manchmal muss ich einfach ganz laut Schostakowitsch oder Strawinsky aufdrehen und enthemmt durch die Bude tanzen.
Vor ein paar Jahren hatte ich mal Angst, dass mir die Musikindustrie die Liebe an der Musik raubt. Mein Richtungswechsel weg von "nur" Klassik hat mir aber neue Energie und eine ganz andere Perspektive auf Musik offenbart.
Stay tuned, ich habe noch viel vor!
7) Echte Performance in Zeiten von KI
Niflheim Records:
In einer Zeit, in der immer mehr künstlich generiert, gefiltert und digital perfektioniert wird, bekommt echte Präsenz vielleicht nochmal einen ganz anderen Wert. Was kann eine reale Live-Performance für dich vermitteln, was kein Bildschirm und keine KI jemals wirklich ersetzen können?
Nana Nocturnal:
Damit rennst du bei mir offene Türen ein. Ich werde immer echte, reale, unperfekte, menschliche Kunst verteidigen.
KI ist meiner Meinung nach falsch abgebogen. Ich will, dass mir meine KI die Küche putzt, damit ich mehr Zeit für Kunst habe. Nicht, dass sie mir mittelmäßige, seelenlose Musik aufzwingt. (Und dafür noch den Planeten zerstört.)
Damit ich mehr Zeit habe, meine Küche zu putzen?
Nein danke.
Folge Nana Nocturnal
Wenn ihr mehr von Nanas Performances, Musik und kreativer Arbeit sehen möchtet, findet ihr sie hier:
Instagram: @nananocturnal
Threads: @nananocturnal
Ein großes Dankeschön an Nana Nocturnal für ihre Zeit und dafür, dass sie ihre Gedanken so offen mit uns geteilt hat. Besonders spannend finde ich, wie selbstverständlich in ihrer Arbeit Dinge zusammenkommen, die von außen vielleicht wie Gegensätze wirken: klassische Musik und radikale Freiheit, technische Erfahrung und spontane Energie, Verletzlichkeit und eine starke Bühnenpräsenz.
Das Interview zeigt auch, dass Provokation nicht leer oder oberflächlich sein muss. Sie kann eine Sprache sein, um Freiheit, Akzeptanz und Seiten der eigenen Persönlichkeit sichtbar zu machen, für die im Alltag oft zu wenig Raum bleibt.




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