Interview: Jakob von Mana Entzug über Sammeln, Commander, Community und echte Treffen
- L7

- vor 2 Tagen
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Heute gibt’s ein Interview mit Jakob von Mana Entzug, einem wöchentlichen Podcast rund um Magic: The Gathering mit Fokus auf Commander/EDH. Wir kennen uns aus einer früheren Arbeit, und über das Thema Sammeln sind wir über die Jahre in Kontakt geblieben, weil wir beide dieses „physisch besitzen“ feiern, Karten, Vinyl, Artwork, und alles, was man wirklich in der Hand halten kann. In diesem Interview geht’s genau darum: Sammeln, Community, echte Treffen, und warum das im digitalen Zeitalter trotzdem nicht ersetzbar ist.

Passend zu den Themen in diesem Interview, Sammeln, digitaler Druck und echte Treffen im realen Leben, haben wir eine Metal-Playlist zusammengestellt, die du beim Lesen nebenbei laufen lassen kannst:
1) Sammeln bleibt Sammeln
Niflheim Records:
Du bist im TCG-Universum zuhause, ich komme aus Vinyl, beide Welten leben von „physisch besitzen“. Was ist für dich der stärkste Punkt an Magic als Sammelobjekt, dieses Anfassen, Sortieren, Deck bauen, zeigen, traden? Was kann digital einfach nicht ersetzen?
Jakob:
Für mich ist das „physische Besitzen“ einer Karte nicht nur ein Stück bedruckte Pappe in meiner Sammlung zu haben, sondern auch Kunst, nostalgische Momente und manchmal auch der Sammlerwert. Mir macht es natürlich am meisten Spaß Magic, insbesondere Commander, in Person zu spielen und das ist auch der beste Platz um die besonderen Versionen von Karten zu präsentieren. Karten aus besonderen Universen mit zusammengesetzten Artworks habe ich unter anderem auch an einer Wand in Bilderrahmen hängen. Vor allem aus der Erweiterung der Herr der Ringe habe ich alle kompletten Bilder aus dem Hauptset gesammelt, weil sie einerseits wunderschön sind und andererseits mich jedes Mal, wenn ich mich an die Arbeit mache, einen kleinen Blick auf diese Meisterwerke richten kann. Natürlich tausche ich auch Karten, die besonders spielstark sind und einen gewissen Wert haben, aber in der Regel beschränke ich mich darauf, dass ich wenigstens eine Karte einer Ausführung für meine Sammlung und auch potentielle neue Decks behalte. Das alles kann digitales Magic nicht ersetzen und wird es für mich auch nie, auch wenn ich es immer wieder mal genieße, online ein paar schnelle Runden zu spielen. Abseits davon gibt es auch jederzeit die Möglichkeit, auf dem Discord von meinem Podcast eine spontane Runde via Webcam zu suchen und dann eben doch mit seinen physischen Karten zu spielen.

2) Dein Blick auf die MTG-Szene heute
Niflheim Records:
Wie hat sich die Magic-Community aus deiner Sicht verändert, in den letzten Jahren, online und offline? Was läuft gerade richtig gut, und was geht dir manchmal auf die Nerven?
Jakob:
Die Magic Community hat sich in den letzten Jahren vermutlich deutlich mehr verändert als in den 25 Jahren davor, seitdem es das Spiel gibt. Wizards of the Coast versucht immer wieder neue Spieler zu Magic: The Gathering zu bringen und haben dafür einen effektiven Weg gefunden: Die sogenannten Universes Beyond. Im Prinzip handelt es sich um Erweiterungen zu anderen IPs (Intellectual Properties) wie The Walking Dead, Warhammer 40k, Fallout, Avatar: Der Herr der Elemente uvm., die unter dem Regelwerk von Magic: The Gathering funktionieren. Diese Expansion in andere Universen bringen dem Konzern von Jahr zu Jahr höhere Millionengewinne und neue Spieler, aber verärgert und vertreibt zugleich auch alteingesessene Magic Spieler, die mit den ganzen unterschiedlichen Universen nichts anfangen können. Das ist sowohl online als auch offline ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es toll, dass so viele neue Spieler zum Hobby kommen, aber andererseits nervt mich die Negativität gegenüber vielen dieser Universes Beyond. Mir ist es wichtig, dass Magic coole neue Mechaniken und starke Karten veröffentlicht, über die man sich tagelang den Kopf zermartern kann, was es für neue Kombos gibt oder welche alten Karten komplett mit diesen durchdrehen. Die IP auf der Verpackung ist für mich da komplett zweitrangig. Viele schreiben nur diese Sets schon ab, bevor sie überhaupt Karten davon gesehen haben und das finde ich schade. Manchmal floppen aber auch heiß erwartete Sets wie bspw. Spider-Man vom letzten Jahr. Das Set wurde von einem vermeintlich nicht draftbaren (in sich spielbaren) Set zu einem gerade so draftbaren Set aufgeblasen, was man diesem auch sehr anmerkt. Die Entscheidung, dass dieses Set in das Hauptformat für Wizards (Standard) eingeführt werden sollte, wurde bekannt gegeben, als das Spiel schon ein paar Jahre in Entwicklung war. Das größte Problem ist, dass Wizards sich nicht die Online-Rechte dafür gesichert hatte, weswegen es für Spider-Man und alle künftigen Marvel Sets eine spezielle Online Edition geben wird, mit 1:1 den gleichen Karten aber anderen Namen, Schlüsselwörtern und Artworks. Das erzürnt eben die komplette Spielerbasis und fand ich auch nicht gut gelöst.

3) Wo Sammeln kippt, und was wirklich Mehrwert hat
Niflheim Records:
Glaubst du, dass Sammeln manchmal auch übertreibt, dass Produkte rauskommen, die kaum Mehrwert fürs Spiel oder die Community bringen und am Ende hauptsächlich dazu da sind, mehr Geld aus den Leuten rauszuholen? Wo ist für dich die Grenze zwischen „cooles neues Produkt“ und „reines Cash Grab“?
Jakob:
Erstmal muss jeder für sich selbst entscheiden, wie viel Geld man für sein Hobby ausgeben möchte. Ich finde schon, dass Sealed Produkte zu teuer sind, was man jetzt auch vor allem bei Universes Beyond Sets beobachten kann. Die Spielstärke entspricht meines Erachtens nicht dem Preis und durch den immer größeren Sammler-Aspekt und super seltenen Karten in Sammlerboostern, verkommt der Sammel-Aspekt langsam zum Lotto. Es stört mich nicht, wenn ich keine teuren Karten ziehe, aber es stört mich, wenn der Sammel-Aspekt so Überhand nimmt, dass die Sealed Produkte komplett vergriffen und unbezahlbar sind. Das beste Beispiel aus dem letzten Jahr ist das Universes Beyond: Final Fantasy. Die Sammlerbooster-Boxen haben bei der Vorbestellung 350€ gekostet (was auch schon echt viel Geld ist) und sind wegen der starken Karten und den „Lotto-Karten“ der goldenen Chocobos schnell auf über 1.000 € gestiegen. Sowas nervt mich extrem und dabei kann man nicht mal von Cash Grab reden, sondern eher das Anziehen von Scalpern, wie das Licht Motten anzieht. Ein anderer Teil, der mich kritisch stimmt, sind manche sogenannten „Secret Lair Drops“, die Möglichkeit von Wizards of the Coast direkt an die Konsumenten zu verkaufen, ohne den Mittelweg der Distributoren und lokalen Geschäfte. Auch wenn Wizards den sekundären Markt nicht anerkennt, merkt man doch sehr wohl, dass viele dieser Secret Lairs, die beliebt sind, Karten beinhalten, die auf dem sekundären Markt einen höheren Preis haben. Das hat sich im Laufe der Jahre etwas geändert, manchmal gibt es Secret Lair Drops die für 40 bis 50€ verkauft werden, man aber die einfachen Varianten für unter ein paar Euro bekommt. Da wirkt es dann manchmal schon wie ein „Cash Grab“.

4) Warum Menschen trotzdem rausgehen müssen
Niflheim Records:
Gerade wenn alles immer digitaler wird: Warum ist es für dich wichtig, dass Menschen sich „in echt“ treffen, ob beim Konzert oder beim Spielen/Trading? Was ist dieser Faktor, den man online nie komplett bekommt?
Jakob:
Das liegt ja eigentlich schon im Namen des Kartenspiels: Magic: The Gathering, also Magie, das Zusammentreffen. Ich spiele am liebsten die Variante Commander, was einer Brettspielvariante von Magic am nächsten kommt. Die Interaktionen hierbei sind einfach das Wichtigste für mich und könnten eine digitale Variante davon niemals ersetzen. Neben dem reinen Regelwerk von Magic kann man das Spiel auch außerhalb davon beeinflussen, wie bspw. mit geschickten Überreden der Gegner, dass man doch nicht die Bedrohung ist oder das gemeinsame Absprechen eine gefährliche Karte zu entfernen. All dies wird in Commander als „Politik“ bezeichnet und macht das Format für mich erst so besonders. Auch das Tauschen von Karten geht online gar nicht, zumindest wenn man den aktuell beliebtesten Online Client betrachtet, den Wizards hat: Magic Arena. Man kann aber in einer alten Variante mit weiterhin fast allen Karten die es in Magic gibt (Magic Online) auch Karten tauschen, aber der Client ist so veraltet und das User-Interface so anfängerunfreundlich, dass dieser vermutlich auf lange Sicht irgendwann nicht mehr existieren wird.
5) Bühne und Kamera, gleicher Muskel?
Niflheim Records:
Du stehst mit deiner Band live auf der Bühne und du bist als Content Creator vor der Kamera. Was hat dir das Live-Spielen fürs Auftreten vor der Kamera gebracht, und was hast du durch YouTube gelernt, das dir live hilft?
Jakob:
Mit meiner Band „Echonauten“ auf der Bühne zu stehen, hat einen deutlich anderen Charme als einfach auf „Aufnahme“ zu drücken. Erstens ist mit meiner Band alles live. Wenn ich mich verspiele, „versinge“ oder andere Fehler mache, kann ich diese nicht einfach in der Post-Production rausschneiden. Auch die Live-Reaktionen sind einfach der absolute Hammer, wenn wir eigene Songs spielen und die Zuschauer mitklatschen, oder völlig ausrasten, wenn wir ihren Lieblingssong in Irish Folk interpretieren. Natürlich hat aber die Bühnenerfahrung auch einen Vorteil für meinen Video-Podcast und YouTube, denn auch für Videos für meine Band habe ich bestimmte Audio-Programme und zugleich auch die entsprechenden Video-Programme und meine Kenntnis dazu. Bei Aufnahmen für meinen Podcast bin ich mit der Zeit deutlich weniger aufgeregt als zum Start und zudem konnte ich das, was ich durch die Videobearbeitung gelernt habe, auch schon für die Echonauten einsetzen. Lampenfieber habe ich somit schon lange nicht mehr, aber eine gewisse Aufregung ist erhalten geblieben.

6) Music as an escape
Niflheim Records:
Wenn du an stressige Phasen denkst: Was gibt dir Musik ganz persönlich, mental, emotional, als Energiequelle oder Ventil? Und was willst du den Leuten vermitteln, wenn du live spielst?
Jakob:
Als ich mit 16 Jahren ernsthaft mit E-Gitarre angefangen habe, war mein Ziel immer die geilsten Solos auf der Bühne zu spielen und alle zu beeindrucken. Dafür habe ich sehr viel und sehr fleißig geübt. Das Lied, was mich neben ganz vielen AC/DC Covers auf ein neues Level gehoben hat, war der Canon Rock. Dies ist eine verrockte Variante von dem Kanon in D-Dur von Pachelbel die von einem YouTuber namens JerryC arrangiert wurde. Seit ich dieses Lied zum ersten Mal gehört hatte, musste ich das Lied unbedingt selbst spielen können. Ich erinnere mich noch daran, dass ich eines Abends nach dem Gitarrenunterricht den Haupt-Riff des Liedes raushören konnte und diesen einmal fehlerfrei spielen wollte, bevor ich zu Bett gehen wollte, was dann im Endeffekt um 7 Uhr früh am Folgetag war. Was ich damit sagen möchte ist, dass ich mich in der Musik verlieren kann und alles um mich herum vergesse. Das ist vor allem der Fall, wenn ich dabei bin, bestimmte Passagen besonders intensiv zu üben. Außerdem gibt mir die Musik, die ich gerne höre, auch eine Energie, die mich konzentrieren lässt, aber auch ablenken lässt von all den schlechten Gedanken und die schlechten Dinge, die so auf der Welt passieren. Musik ist sozusagen ein dauerhafter Begleiter in meinem Leben, den ich nicht missen möchte.
7) Traumprojekt: perfektes Mana-Entzug-Event
Niflheim Records:
Wenn du frei planen könntest: Wie würde dein “perfektes” Mana-Entzug-Event aussehen, Meetups oder Turnier, Community, und als Bonus live Musik von deiner Band? Und gibt es ein Traumprojekt, wie z.B. mal eine eigene Karte (oder ein eigenes kleines Set) zu gestalten?
Jakob:
Witzigerweise bin ich aktuell in den Planungen genau dazu. Im kommenden Jahr plane ich ein erstes Community Treffen von meinem Podcast und verbinde dies in einem großen Tagesevent. Dies soll tagsüber ein Event zum Commander bzw. Magic spielen werden, mit gemeinsamen Erlebnissen, gemeinsamen Essen, Tauschen und viel mehr. Der Tag soll dann abends abgerundet werden mit einem Auftritt meiner Band, den Echonauten. Somit verbinde ich meine zwei größten Hobbys: Sammelkarten und Musik. Meine Patrons, die mich auch finanziell auf Patreon.com unterstützen, werden hierfür bevorzugt Tickets erstehen können, denn so möchte ich auch was an meine größten Unterstützer zurückgeben. Das Event wird in Fürth stattfinden und ist in Laufnähe zum Bahnhof, deswegen hoffe ich, dass viele Leute kommen, bis zu 50 Menschen werden dort Platz haben :)
Folge Mana Entzug
Wenn ihr mehr von Jakobs Content sehen wollt, hier sind die besten Startpunkte:
YouTube: https://www.youtube.com/@manaentzug
Instagram: https://www.instagram.com/manaentzugpodcast
Ein großes Dankeschön an Jakob für seine Zeit und für die ausführlichen, ehrlichen Antworten. Ich schätze das wirklich, nicht nur als jemand, der selbst sammelt, sondern auch weil man merkt, wie viel Herzblut hinter Mana Entzug und seiner Community steckt.




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