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Sandy Volmer-Malisheva im Interview, düstere Gedichte zwischen Alltag und Abgrund | Interview

  • Autorenbild: L7
    L7
  • 4. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Wir haben Sandy über Social Media kennengelernt. Ihre Texte sind düster, bildstark und direkt, und dazu kommt ein Alltag, der auf den ersten Blick im totalen Kontrast steht: Sie fährt LKW im Nahverkehr. Genau diese Mischung, ihre Geschichte und die Art, wie sie schreibt, fanden wir so interessant, dass wir sie angeschrieben haben. Daraus ist dieses Interview entstanden, inklusive einer Auswahl ihrer Gedichte.


Hinweis: In diesem Interview werden schwere Themen angesprochen.


Niflheim Records: Sandy, danke dir für deine Zeit. Magst du dich kurz vorstellen?


S: Ich habe DIR zu danken für dein Interesse und dein Feedback.


Eine kurze Info zu mir:


Ich bin 48 Jahre jung, wobei die Betonung auf "jung" liegt. Vom Herzen her bin ich in meinen 20ern bis 30ern hängen geblieben. Ich bin gebürtig aus Thüringen, wohne aber seit 15 Jahren in NRW und fahre seit 5 Jahren LKW im Nahverkehr (mein Arbeitgeber hat mir diesen Traum erfüllt). Ich mag Literatur und Naturwissenschaften.


Ich selbst sehe mich, bildlich gesprochen, wie ein Buch. Der Einband ist bunt, freundlich, hilfsbereit und geht lachend durch die Welt. Die Seiten sind dunkel und schwermütig und werden durch den Einband auf einer Seite geschützt und auf der anderen Seite eingesperrt.


Meine Gedichte umfassen im Wesentlichen drei Bereiche:


-Meine Vergangenheit (geprägt von Missbrauch im Kindesalter und einer gewaltbetonten Ehe)

-Meine dunkle Seite, die ich gerne ausleben würde, aber nicht kann

-Gedanken und Geschichten, die mich aufwühlen


GEDICHT


Der Frühling steigt, die Knospen sprießen

Das Blütenkleid ist noch so schlicht

Genieß der Sonne zarte Wärme

Bemerk des Gärtners Kommen nicht.


Tritt zu mir her, bleibt steh'n ganz nahe

Greift seine Kanne, macht mich nass

Wo Liebe war für Licht und Sonne

Pflanzt er nun Samen voller Hass.


Er wirkt erlöst, die Augen glasig

er lächelt kalt, ist sehr beglückt

Ich war ein Kind, jetzt fall'n schon Blätter

Bleib gebrochen hier zurück.


Die Wurzel konnt er nicht zerstören

Ich richt mich auf, streb hin zum Licht

Das Blütenkleid trägt dunkle Farben

Die Seele tot, der Körper nicht.


Der Gärtner kam noch viele Male

Nahm aller Farben stillen Glanz

Brach Blätter mir, zerstört die Wurzel

Tod meiner Kindheit voll und ganz.


NR: Du lebst viel unterwegs, als LKW-Fahrerin. Was macht dieses Leben mit dir, im Kopf und im Gefühl?


S: LKW fahren ist mein absoluter Traumjob.

Ich genieße die Freiheit und Unabhängigkeit und auch, dass ich für mich alleine sein kann. Ich kann Wände um mich herum nur schwer ertragen. Ich habe die Möglichkeit, den ganzen Tag meine Lieblingsmusik zu hören (vor allem Rammstein und Till Lindemann). Dadurch kann ich die meiste Zeit meine Gedanken im Zaum halten. Im LKW entstehen aber auch viele Ideen zu meinen Gedichten.


NR: Schreibst du anders, wenn du auf Achse bist, als wenn du zu Hause bist? Was verändert sich?


S: Meine Gedichte schreibe ich ausschließlich zu Hause. Beim Fahren fehlt mir die Zeit dazu. Allerdings ist meine Gedankenwelt beim Fahren eine andere als zu Hause. Wenn ich für mich alleine bin, steige ich viel tiefer in meine Gefühlswelt ein. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und durchlebe täglich eine Achterbahn an Gefühlen. Das versuche ich in meine Gedichte zu transportieren.


NR: Nimm uns mit in den Moment, wo ein Gedicht bei dir anfängt: Wo bist du dann, was passiert gerade, und was ist der Auslöser?


S: Für mich braucht es nur einen Gedanken für ein Gedicht. Diesen Gedanken halte ich fest, bis ich die Möglichkeit habe, ihn aufzuschreiben. Die Verse fließen dann von alleine. In meinem Kopf bildet sich eine gewisse Struktur. Reime formen sich, ohne dass ich groß darüber nachdenken muss. Wichtig ist nur, dass ich es aufschreibe, bevor das Chaos in meinem Kopf explodiert.


NR: Wenn du an deinen Texten arbeitest, was steht bei dir im Vordergrund: Bildsprache, Rhythmus, Härte, Atmosphäre, Story, oder etwas anderes?


S: Ich glaube, es ist eine Mischung aus allem. Bildsprache, Atmosphäre und Story finde ich besonders wichtig. Ich versuche, die Bilder in meinem Kopf wieder zu geben, andere sehen zu lassen, was ich sehe und fühlen zu lassen, was ich fühle. Ich schreibe bewusst keine Liebesgedichte. Meine Welt ist eine andere, im Kopf und auch im Herzen. Deshalb haben meine Gedichte auch eine bestimmte Härte. Ich schreibe vor allem rhythmisch wegen der Verständlichkeit und Eindringlichkeit.


GEDICHT


Verloren sie im Leben steht

Der Hass ihr stets entgegen weht

Vertraut sie weder Mensch noch Tier

Verschlossen ist die Seelentür


Der Teufel kommt mit sanfter Miene

Und lockt sie auf die falsche Schiene

Mit falscher Stimme er verkündet,

Das sie bei ihm Erlösung findet.


Nach einem Trank, den er gemacht.

Im Düsterwald sie nackt erwacht

Der volle Mond am Himmel strahlt

Und sie mit seinem Licht bemalt.


Die Angst aus ihren Augen springt

Ein Kreis aus Hexen tanzt und singt

Beschwörungsformeln und noch mehr

Der Satans Lenden beben schwer.


Festgeschnallt auf kaltem Stein

Der Teufel viele, sie allein

Als Opfer wird sie dar gebracht

Ihr Schrei verklingt in dunkler Nacht.


NR: Wie viel “du” steckt in deinen Gedichten, und wie viel ist Figur oder Maske?


S: Meine Gedichte sind zu 100 % "Ich". Es ist meine Art mit meiner Vergangenheit, meinem dunklen Inneren und meiner Gefühlswelt umzugehen. Da ich niemanden habe, mit dem ich offen über alles reden kann, schreibe ich. So kann ich zumindest einen Teil meiner Gedanken loslassen.


NR: Gibt es beim Schreiben Themen oder Bilder, bei denen du stoppst, weil es dir zu nah, zu hart oder zu persönlich wird?


S: Am Anfang gab es Grenzen. Entweder, weil es mir zu nahe ging, dann habe ich während dem Schreiben auch schon mal heftig geweint und/oder bin wütend und aggressiv gegen mich selbst geworden oder weil ich mich nicht getraut habe, derart offen zu schreiben. Aber als ich das erste Mal einen Schritt weiter gegangen bin, war es viel einfacher. Jetzt gibt es kaum noch Grenzen.


NR: Was sollen Menschen nach einem Gedicht von dir mitnehmen: ein Schlag in den Magen, ein Bild im Kopf, ein Sog, ein Nachhallen, oder etwas ganz anderes?


S: Ich muss ehrlich sagen, dass die Idee, meine Gedichte auch anderen zugänglich zu machen, erst vor kurzem kam. Ich habe meinen Sohn (16 Jahre) ein paar leichtere lesen lassen. Bis jetzt kennen nur sehr wenige Personen meine Art zu Schreiben und alle ermutigen mich, sie zu veröffentlichen. Es mag sein, dass manche Gedichte schockieren, schlimme Bilder im Kopf erzeugen oder auch ein Schlag sind. Aber das ist meine Welt, mein Innerstes, meine Gedanken, mein "Ich".

Natürlich hoffe ich auch, dass sie nachhallen und zum Nachdenken anregen. Es gibt so viele Themen, die totgeschwiegen werden und doch tägliche Realität sind. Ich selbst fühle mich gefangen von Erwartungen und Restriktionen. Wie ein Vogel im Käfig, der sich nicht frei entfalten kann.


GEDICHT


Vorne flach wie auf dem Rücken

Bei weitem noch nicht reif zum Pflücken

Der Körper taub, ein Herz das brach

Als der Dorn des Teufels stach


Das Leben nun von Schmerz umringt

Kleine Seele schwebt zum Wind.


Gequälte Puppen, schmerzend Hände

Mit Blut verschmiert des Kerkers Wände

Weiter wachsen, Narben heilen

Und wieder wird es mich ereilen.


Noch nicht erwachsen, nicht mehr Kind

Zum Sturme wird der tragend Wind.


Die Sehnsucht, die aus Leid geboren

Erdrückt mich völlig ungeschoren

Lädt mich zu neuem Unglück ein

Lässt mich gemeinsam einsam sein.


Des Teufels Dorn das Fleisch erpresst

Herz und Seele sterben lässt.



NR: Wo kann man dir folgen?

S: Instagram und TikTok laufen über meinen vollständigen Namen.


Danke, Sandy


Sandy hat uns nicht nur Gedichte geschickt, sondern auch sehr offen erzählt, was hinter ihren Texten steckt. Wenn euch ihre Worte treffen oder nachhallen, dann genau darum geht es, nicht wegschauen, sondern hinschauen.


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